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High Yield vs. Investment Grade: Mehr Ausschüttung, mehr Risiko?

Ein High-Yield-ETF schüttet 6–7 % aus, ein Investment-Grade-Fonds 3–4 % — für Einkommensinvestoren klingt die Wahl einfach. Aber die Mehrrendite ist kein Geschenk, sondern eine Prämie für ein sehr konkretes Risiko: dass Schuldner ausfallen, und zwar bevorzugt genau dann, wenn auch der Rest deines Depots leidet. Dieser Artikel erklärt, wofür du bei High Yield bezahlt wirst — und wann welche Qualitätsstufe in ein Einkommens-Depot gehört.

§ 01

Die Rating-Skala und die eine wichtige Grenze

Ratingagenturen bewerten die Zahlungsfähigkeit von Schuldnern auf einer Skala von AAA (praktisch ausfallfrei, z. B. Bundesanleihen) bis D (Zahlungsausfall). Die entscheidende Trennlinie verläuft zwischen BBB− und BB+:

  • Investment Grade (AAA bis BBB−): Etablierte Staaten und Unternehmen mit solider Bilanz. Historische Ausfallquoten pro Jahr liegen im niedrigen Promille-Bereich.
  • High Yield (BB+ und darunter, auch „Sub-Investment-Grade" oder ehrlicher: „Junk Bonds"): Schuldner mit höherer Verschuldung oder unsichererem Geschäftsmodell. Über einen Konjunkturzyklus fallen hier je nach Phase grob 2–4 % der Schuldner pro Jahr aus, in Rezessionen auch deutlich mehr.

Viele institutionelle Anleger dürfen nur Investment Grade halten. Rutscht ein Schuldner unter die Grenze („Fallen Angel"), entsteht Zwangsverkaufsdruck — ein Effekt, den spezialisierte Fallen-Angels-ETFs gezielt einsammeln.

§ 02

Wofür die Mehrrendite wirklich bezahlt

Der Renditeabstand zwischen High Yield und sicheren Staatsanleihen heißt Spread. Er vergütet drei Dinge: erwartete Ausfälle (der größte Posten), die schlechtere Handelbarkeit in Stressphasen und die unbequeme Korrelation — High-Yield-Kurse verhalten sich in Krisen wie Aktien, nicht wie ein Sicherheitsanker. 2008 und im März 2020 fielen High-Yield-ETFs zweistellig, während Staatsanleihen stiegen.

Praktisch heißt das: Von 6,5 % High-Yield-YTM bleiben nach durchschnittlichen Ausfallverlusten über den Zyklus real eher 4,5–5,5 % — immer noch mehr als Investment Grade, aber der Abstand ist kleiner, als die Schaufenster-Rendite suggeriert. Die Rendite zur Endfälligkeit eines High-Yield-ETFs ist eine Vor-Ausfall-Größe.

Ein ETF entschärft dabei das Einzelrisiko entscheidend: Bei 500+ Schuldnern kostet ein einzelner Ausfall Zehntelprozente, nicht dein Kapital. Was der ETF nicht wegdiversifizieren kann, ist das systematische Kreditrisiko der ganzen Anlageklasse in einer Rezession.

§ 03

Duration: der stille Unterschied

Ein oft übersehener Punkt: High-Yield-Anleihen haben meist kürzere Laufzeiten und höhere Kupons — und damit strukturell kürzere [Durationen](/wissen/duration-erklaert) (typisch 2–3,5) als Investment-Grade-Portfolios (typisch 4–7). Im Zinsanstieg 2022 hielten sich High-Yield-ETFs deshalb kursseitig besser als brave IG-Fonds — nicht weil sie sicherer wären, sondern weil ihr Risiko woanders liegt: weniger Zins-, mehr Kreditrisiko. Die beiden Fondstypen fallen in unterschiedlichen Krisen.

§ 04

Was gehört in ein Einkommens-Depot?

Die ehrliche Antwort ist eine Rollenverteilung statt eines Entweder-oder:

Investment Grade ist der planbare Einkommens-Baustein: verlässlicher Zins-Cashflow, Stabilität in Aktienkrisen (v. a. Staatsanleihen), dafür begrenzte Rendite. Unser Empfehlungs-Profil „Stabiles Einkommen" im Screener verlangt deshalb Investment Grade — oder ein explizit als High Yield gelabeltes Produkt, bei dem du das Risiko bewusst wählst.

High Yield ist ein Renditebaustein mit Aktien-Charakter: sinnvoll als bewusste Beimischung (als Faustregel eher 10–20 % der Anleihen-Quote als 100 %), idealerweise breit gestreut und in der Short-Duration-Variante, wenn dich das Zinsrisiko zusätzlich stört. Wer High Yield als „sicheren 7-%-Zins" kauft, hat die Anlageklasse missverstanden.

Zwischen beiden liegt übrigens eine oft attraktive Grauzone: BBB−BB-Crossover-Fonds und Fallen-Angels-Strategien ernten die Zwangsverkaufs-Prämie an der Rating-Grenze mit moderaterem Risiko als das breite Junk-Universum.

§ 05

Worauf du beim ETF-Vergleich konkret achtest

Vier Prüfpunkte im Anleihen-Screener: das Segment (High Yield ist bei uns ein eigenes Filter-Segment), das Ø-Rating samt Rating-Verteilung auf der Detailseite, die YTM als Vor-Ausfall-Rendite im Verhältnis zum IG-Vergleichsfonds (unter ~2 Punkten Abstand lohnt das Zusatzrisiko selten) — und bei Dollar-Fonds die Frage EUR-Hedged oder nicht: Ungesicherte USD-High-Yield-ETFs stapeln Währungsrisiko auf Kreditrisiko.

FAQ

Sind High-Yield-ETFs unseriös?

Nein — „Junk" beschreibt die Bonitätsstufe der Schuldner, nicht die Qualität des Produkts. Ein breit gestreuter High-Yield-ETF ist ein legitimes Renditebaustein-Werkzeug. Unseriös ist nur, ihn als Ersatz für sichere Anleihen zu verkaufen.

Wie viele Ausfälle verkraftet ein High-Yield-ETF?

Strukturell alle — er hält hunderte Emittenten, ein Einzelausfall kostet Zehntelprozente. Entscheidend ist die Ausfall-Welle in Rezessionen: Dann fallen Kurse breit, und zwar gleichzeitig mit Aktien.

Was ist besser bei steigenden Zinsen?

Kursseitig meist High Yield (kürzere Duration, dickerer Kupon-Puffer) — solange die Konjunktur hält. Kippt sie, drehen die Spreads und High Yield verliert, während Staatsanleihen als sicherer Hafen gewinnen können. Die Frage ist also nicht „Zins hoch oder runter", sondern „Rezession ja oder nein".

Zählt die 30-%-Teilfreistellung auch für Anleihen-ETFs?

Nein. Reine Anleihen-ETFs haben 0 % Teilfreistellung — Ausschüttungen werden voll mit Kapitalertragsteuer belastet. Der Netto-Vergleich mit Dividenden-ETFs fällt dadurch enger aus, als die Brutto-Renditen suggerieren; Details im Artikel zur Teilfreistellung.

Stand: Juli 2026. Historische Ausfall- und Renditeangaben sind zyklusabhängige Größenordnungen, keine Prognosen. Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar.